Spendenskandal und Todeskriterium
Dein ist mein ganzes Herz


Donnerstag, 3. Januar 2013. Wenn Güter knapp sind, haben sie die Angewohnheit, einen Warencharakter zu entwickeln. Im Verhältnis von Angebot und Nachfrage entwickelt sich dann ihr Preis. Auf dem freien Markt blüht der Handel mit Waren, die den Menschen viel oder nicht so viel bedeuten. Aber auch lebensnotwendige Güter sind in aller Regel Waren. Sehen Sie sich einfach in der Lebensmittelabteilung „Ihres“ Supermarkts um!

Dort, wo der Staat die Entwicklung eines Marktes verbietet, schlummert zwar der Warencharakter in den knappen Gütern, aber er wird unterdrückt. An die Stelle des freien Handels tritt die Zuteilung der knappen Güter durch staatliche bzw. staatlich legitimierte Instanzen anhand der staatlich festgesetzten Richtlinien. Allerdings lässt sich der Charakter der Ware niemals ganz aus dem knappen Gut eliminieren.

Es gibt jedenfalls nicht ein Beispiel dafür, niemals und nirgendwo, dass staatliche Zuteilungskriterien von allen Menschen konsequent befolgt werden. Immer und überall hat sich ein Schwarzmarkt entwickelt oder sind die Zuteilungsprinzipien durch Korruption, Vetternwirtschaft oder andere Eigenmächtigkeiten umgangen worden. Geld ist wie Wasser, Blut ist keine Buttermilch, oder auch: man kennt sich, man hilft sich.

Der Handel mit menschlichen Organen ist – wie ich finde: aus guten Gründen – untersagt. In Deutschland und überall auf der Welt. Organhandel widerspricht jeglichem ethischen Empfinden. Es wäre ein eklatanter Bruch mit den zivilisatorischen Standards, wenn das Tabu Organhandel aufgeweicht würde. Dieses zurecht eiserne Prinzip kann jedoch das Gesetz, dass knappe Güter Warencharakter besitzen, nicht außer Kraft setzen.

Das ist der Hintergrund für die Organspende-Skandale. Leipzig ist jetzt der dritte an die Öffentlichkeit geratene Fall von Manipulationen an den Transplantationsdokumenten. Wir ahnen, dass dies nicht der letzte Fall sein wird, sondern dass wir es mit einem umfassenden Symptom zu tun haben. Gerichte werden über die Motive der Täter zu urteilen haben. Mal dürfte das Geld die ausschlaggebende Rolle gespielt haben, mal Geltungssucht, mal Menschlichkeit.

Das politische Problem besteht jedoch unabhängig von den Motiven der Täter. Es hat seine Ursache darin, dass die für eine Transplantation zur Verfügung stehenden menschlichen Organe knapp sind. Ein absurder Zustand, der wiederum seine Ursache darin hat, dass Viele nicht bereit sind, ihre Organe post mortem ihren leidenden Mitmenschen zur Verfügung zu stellen. Die durch die Knappheit verursachten Organspende-Skandale werden die Knappheit weiter verschärfen.

Die Spendenbereitschaft wird allerdings nicht nur durch die Skandalisierung der Wartelisten-Manipulationen gedämpft, sondern auch durch prinzipielle Zweifel an der Organentnahme bei hirntoten Menschen. Die bei der Wolfsburg in Mülheim beschäftigte katholische Theologin Dr. Judith Wolf hat sich in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift dieser Bildungseinrichtung mit dem Hirntod als Todeskriterium befasst. Unten sehen Sie einen Auszug aus ihrem Beitrag.

Werner Jurga, 03.01.2013

 

 
Dr. Judith Wolf
Bild: akademie akzente

 

Judith Wolf:

Hirntod des Menschen beendet
die Einheit von Leib und Seele


Die Organspende in Deutschland ist in einer Vertrauenskrise. Im Oktober konnte nur 59 Hirntoten Organe entnommen werden. Damit wird in Deutschland der niedrigste Wert seit 10 Jahren verzeichnet. Daran sind nicht nur die neuerlichen Skandale schuld, sondern auch neu aufkeimende Zweifel am Hirntod als Todeskriterium.

Dies hängt wesentlich damit zusammen, dass der Tod, auch wenn er medizinisch bei hirntoten Menschen diagnostiziert ist, nicht augenscheinlich wahrnehmbar ist. die lebensweltlich-praktische Erfahrbarkeit des Todes und seine wissenschaftliche Objektivität stimmen nicht mehr überein. Von daher gibt es immer wieder Einwände, die den Hirntod als tatsächliches Todeskriterium in Frage stellen. In der Tat ist es so, dass bei hirntoten Menschen die Körpertemperatur aufrechterhalten bleibt, dass die Fingernägel wachsen und Exkremente gebildet werden, bei hirntoten Kindern konnte schon geschlechtliche Reifung festgestellt werden. Aber heißt das, dass der hirntote Mensch nicht wirklich tot ist, weil sein Organismus weiter Lebensfunktionen zeigt? Wer sich mit der Frage der Organspende beschäftigt, muss sich auch mit dieser Frage auseinandersetzen, auf die Philosophen, Theologen und Mediziner unterschiedliche Antworten geben.

Der Mainstream der katholischen Moraltheologie erkennt den Hirntod als Todeskriterium an. Die Anerkennung steht in engem Zusammenhang mit dem christlichen Menschenbild, das den Menschen als Einheit von Leib und Seele sieht. Der Tod des Menschen ist dann gegeben, wenn diese Einheit aufhört zu existieren. Mit dem Hirntod kann der Mensch seine Leiblichkeit nicht mehr erleben. Die zentrale Integrations- und Steuerungsfunktion des Gehirns ist erloschen. Nach dem Hirntod gibt es demnach noch Lebensvorgänge, aber keine spezifisch menschliche Lebendigkeit. Leib und Seele des Menschen haben sich getrennt...

So wie sich die Gesellschaft über den Anfang des Lebens auseinandersetzen müsse, so auch über das Ende.


Judith Wolf, Januar 2013

 

Auszug aus Dr. Judith Wolf: Divergenzen beim Hirntod mit Toleranz begegnen. Wann endet das Leben? In: Akademie Akzente, Januar 2013, Seite 15. Vollständiger Text hier.

 



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