Mali und die Sahelzone
Nichts währt ewig


Mittwoch, 30. Januar 2013. De mortuis nil nisi bene - über Tote nur Gutes. Und der war ja auch gar nicht mal schlecht, dieser Hammerspruch vom guten Peter Struck. „Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt.“ Rumms, der saß! Und es stimmt doch auch: wenn wir die Taliban und die Qaida bekämpfen, ist das gut und nicht schlecht. Davon abgesehen war Peter Strucks These, aber hinterher ist man immer schlauer, freilich ganz schön daneben. Gott sei Dank, möchte man meinen. Denn würde Deutschland tatsächlich auch am Hindukusch verteidigt, sähe es für die Sicherheit der Bundesrepublik nicht ganz so gut aus. Denn der Krieg in Afghanistan ist, wie man weiß, verloren.

In Afghanistan gibt es nicht viel zu gewinnen. Diese Erfahrung hatte Ende des letzten Jahrhunderts schon die Sowjetunion machen müssen. Nach zehn Jahren zog sie sich geschlagen vom Hindukusch zurück, zwei Jahre löste sie sich später auf. Seit mehr als elf Jahren führt die NATO jetzt Krieg in Afghanistan, ihr Rückzug ist bereits beschlossene Sache. Im Grunde geht es nur noch darum, einigermaßen gesichtswahrend wieder herauszukommen. Es ist davon auszugehen, dass nach dem Abzug der USA und ihrer Alliierten wieder die mit Al Qaida verbündeten Taliban die Herrschaft im Lande übernehmen werden. Die Bundeswehr rätselt unterdessen, wie sie in der Kürze der verbleibenden Zeit die Unmengen an Kriegsgerät wieder aus dem Land schaffen soll.

Die Kriegsziele in Afghanistan waren nie so richtig klar. War anfangs die Rede vom Aufbau einer Demokratie, konzentrierte man sich später, als dies der hiesigen Öffentlichkeit nicht mehr so recht zu vermitteln war, auf das Recht der afghanischen Mädchen, die Schule besuchen zu dürfen. Sollte dies wirklich jemals ein Kriegsziel der Interventionstruppen gewesen sein, kann auch dies getrost als gescheitert betrachtet werden. Taliban halten Mädchenschulen für nicht verhandlungsfähig, was den afghanischen Frauen immerhin das Schicksal erspart, sich als Journalistin um Mitternacht in einer Hotelbar blöde ins Dekolleté glotzen und aufs selbige anquatschen lassen zu müssen. Denn eine Burka hat bekanntlich gar kein Dekolleté.

 

Nein, die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland steht und stand am Hindukusch nicht auf dem Spiel. Afghanistan ist etwa 7000 Kilometer weit weg. Das Abenteuer hat etwas gekostet – gut 50 Tote, vielleicht inzwischen auch 60, viele posttraumatisch Belastungsgestörte, was auch nicht als Marotte deutscher Weicheier zu werten ist. In den USA, die ungleich stärker am Hindukusch präsent sind, suizidiert sich im Durchschnitt ein Afghanistan-Veteran pro Tag. Nun ja, und dann auch noch das ganze schöne Geld. Es ist schief gegangen, da kann man nichts machen. Nur gut, dass Peter Struck damals daneben gelegen hatte! Nicht auszudenken, wenn auch noch die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland Schaden genommen hätte…

Ach ja, Afghanistan. 7000 Kilometer weit weg, ein kleines Fleckchen in der großen asiatischen Landschaft. Gerade einmal 652 Tausend Quadratkilometer (km²) groß, also nicht einmal doppelt so groß wie Deutschland (357 Tausend km²). Insofern also kaum der Rede wert. Dagegen jetzt Mali, mehr als doppelt so groß wie Afghanistan (1.24 Mio.km²). Dafür aber nur 4000 Kilometer weit weg. Gut, dass die Franzosen da jetzt so flott vorankommen! Ruckzuck haben sie Timbuktu und Gao eingenommen; Monsieur Hollande gibt sich schon ganz siegessicher. Seine Offiziere vor Ort dagegen schauen nicht so entspannt in die Kameras. Die Al-Qaida-Einheiten sind von dannen gezogen, und dass sie nicht wissen, wo sie sind, irritiert sie.

Die Amerikaner wiederum erinnerten sich an ihre verlorenen Kriege in Asien. Die großen Städte einzunehmen, in diesen Fällen also Kabul oder Bagdad zu erobern, stellte dereinst auch für sie kein allzu großes Problem dar. Ihr damaliger Präsident George W. Bush hatte die vermeintlichen Siege gar schon öffentlich verkündet, doch es kam dann bekanntlich anders. Aus Schaden wird man klug: das US-Militär macht sich jetzt daran, eine Drohnenbasis in Nordwestafrika aufzubauen. Die USA rechnen mit einem jahrelangen Konflikt, wie zu lesen ist. „Jahrzehntelang“ träfe das, was sich dort anbahnt, wohl genauer. Und Deutschland, also die Bundeswehr, wird dabei sein. Auch wenn der geneigte Fernsehzuschauer das Vorrücken der französischen Truppen für ein sicheres Indiz für eine kurze Episode hält.

Sahelzone (Bild: zum.de)

Der Krieg, dessen Beginn wir derzeit Zeugen werden, wird aber keine kurze Episode bleiben. Allein schon deshalb nicht, weil es nicht allein um Mali geht. Ein Blick auf die dereinst von den Kolonialherren wie mit dem Lineal gezogenen Grenzen mag ausreichen, um deren vollkommene Willkürlichkeit und Lebensfremdheit zu erkennen. Im Grunde genommen steht die Herrschaft über die gesamte Sahelzone zur Disposition. Das jämmerlichste und ärmste Stück Land der ganzen Welt, aber ein unfassbar großes Gebiet. Die Sahara ist mit einer Fläche von etwa ca. 10 Mio. km² mehr als doppelt so groß wie die Europäische Union mit 4,3 Mio. km². Und überall, in jedem der heutigen „Nationalstaaten“, vom Atlantik im Westen bis zum Roten Meer im Osten, sind kämpfende oder zumindest kampfbereite Qaida-Einheiten präsent.

Der sog. „Arabische Frühling“ hat Al Qaida zweifelsohne, zumindest kurzfristig ideologisch geschwächt. Dem steht ein logistischer Gewinn ohnegleichen gegenüber, den der Zerfall der nordafrikanischen Regime der Qaida einbrachte. Allein die Waffen aus Libyen. Von niemandem gestörte Bewegungsfreiheit im gesamten nördlichen Afrika. Und die Qaida hat Geld, Geld wie Heu. Zu dem selbst „verdienten“ Geld aus der seit Jahren mit großem Erfolg betriebenen Entführungsindustrie kommen edle Spender aus Saudi-Arabien und aus Qatar, die laut Spiegel Millionen von Petrodollars in bar per Geldboten vorbeibringen. Hinzu kommt, dass der Kokaintransfer von Südamerika nach Europa zunehmend über die Sahara, also über Al Qaida, abgewickelt wird.

Gemeinschaftliches Ziel der bestens vernetzten Qaida-Strukturen – von der Ansar ad-Din in Mali bis zur al-Shabab in Somalia ist die Errichtung eines die gesamte Sahelzone umfassenden Gottesstaates, des Großkalifats Sahelistan. Die Berichte darüber, wie Ansar ad-Din und al-Shabab in den von ihnen beherrschten Gebieten die Bevölkerung tyrannisieren, gleichen sich. Der Albtraum einer Taliban, in diesem Fall direkten Al-Qaida-Herrschaft über die gesamte Sahelzone ist kein Hirngespinst. Die Ausgangslage ist für die Dschihadisten günstig. Die Qaida in der Sahara zu zerschlagen, wird nicht möglich sein. Ihre Machtübernahme zu verhindern, wird ganz gewiss deutlich länger als zwölf Jahre in Anspruch nehmen.

 

Nihil aeternum est - nichts währt ewig. Doch das Eine währt länger als das Andere. Dass Sie das Ende dieses Krieges, dessen Beginn Sie derzeit als Zeitzeuge in den Medien beobachten können, noch erleben werden, halte ich jedenfalls für höchst unwahrscheinlich. De mortuis nil nisi bene - über Tote nur Gutes. So wie die Dinge liegen, wird über die Sahelzone auf unabsehbare Zeit viel Gutes zu erzählen sein. Oder eben Schlechtes. Wie man´s nimmt. Nehmen Sie aber die entsprechend aufbereiteten Informationen aus den Medien so, wie sie gedacht sind. Als magenfreundliche kleine Häppchen. Das komplette Menü ist zurzeit noch nicht so recht verdaulich. Aber es kommt auf den Tisch. Auf jeden Fall. Magenunverträglich.

Werner Jurga, 30.01.2013




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