Tamir Rice

Screenshot: Cleveland Police



Ätzende Langeweile

Tamir Rice



27. November 2014. Langeweile ist blöd. Nervig. Und Tamir hatte Langeweile. Am letzten Samstag. Samstags nachmittags – und nichts zu tun. Wer weiß: ob seine Kumpels nicht raus durften? Oder ob sie mit ihren Eltern unterwegs waren? Oder zusammen etwas Anders unternommen hatten? Keine Ahnung; jedenfalls waren sie nicht da. Da draußen auf dem Spielplatz. Okay, irgendwie war das ja auch kein Wetter zum draußen rumstreunen. Tamir Rice wohnt nämlich – oder sagen wir mal: wohnte – in Amerika. In den USA. Genauer gesagt: in Cleveland, im US-Bundesstaat Ohio. Und in Amerika ist es schon mächtig kälter als bei uns. Das war auch schon am letzten Samstag so. Reste von Schnee lagen draußen rum. Aber ansonsten war, wie gesagt, echt nichts los.  

Langweilig. Auch das Video dazu. Ätzend langweilig. Es dauert fast acht Minuten, und die Zeit vergeht und vergeht nicht. Dabei ist das Video, wenn man so will, noch gekürzt. Eigentlich geht es nämlich um eine Zeitspanne von fast zwanzig Minuten. Aber Tamir, der zwölfjährige Junge aus Cleveland, trottete mal hin und mal her... - und dabei verließ er immer mal wieder den Bereich, der von der Überwachungs-kamera erfasst werden konnte. Ja, so ist das in den Vereinigten Staaten: da wird Sicherheit groß geschrieben. Da wird auch ein Spielplatz mit der Kamera überwacht. Schließlich könnte ja immer mal etwas passieren. Und tatsächlich: am Ende des knapp achtminütigen Videos passiert auch etwas. Aber bis dahin, wie gesagt: Langeweile pur.  

Tamir läuft hin, Tamir läuft her. Mal formt der schwarze Junge aus Schneeresten einen kleinen Schneeball, wirft ihn einen Meter vor sich und tritt dann drauf. Besonders unterhaltsam ist das nicht – für uns nicht. Für ihn aber auch nicht. Nun ja, es ist ja vorbei. Vergangenheit – die Übertragung vom letzten Samstag läuft von 15:12 Uhr bis 15:31 Uhr. Ortszeit, versteht sich. Und, wie gesagt: die meiste Zeit passiert im Grunde genommen nichts. Wobei, und dies ist nicht ganz unwichtig zu erwähnen: Tamir Rice hatte seine Spielzeugknarre dabei. Und weil er, wie gesagt, ansonsten keiner ausfüllenden Samstag-nachmittagsbeschäftigung nachging, tat er hin und wieder so, als ballere er mit dem Ding herum. Unfug eines Zwölfjährigen...  




Allerdings: einmal, als ein Passant oder eine Passantin - die Person wurde auf der Videoaufnahme unkenntlich gemacht – an Tamir vorbei wollte, fuchtelte er mit seiner blöden Spielzeugknarre wichtig-tuerisch herum. Das macht man nun wirklich nicht. Ein verdammt schlechtes Benehmen! Der Passant oder die Passantin machte sich aber nicht viel aus dem kleinen Möchtegern-Gangster und ging, ihn weitgehend ignorierend, weiter seines oder ihres Weges. Da stand er dann wieder, der Tamir Rice – d.h. er stand nicht, sondern latschte weiter hin und her. Es war ja ziemlich kalt. Ansonsten war – wieder mal – nichts los. Jedenfalls nicht im Bereich der Überwachungskamera.  

Etwas abseits davon schon. Tamir ist nämlich bei seiner blöden Nummer mit dem Passanten oder der Passantin beobachtet worden. Da hat dann jemand die Polizei angerufen und erzählt, dass eine Person auf dem Spielplatz eine Waffe auf andere Menschen richte. Aber auch ausdrücklich darauf hingewiesen, das es sich bei der Person um einen Jugendlichen handele und dass die Waffe wahrscheinlich nicht echt sei („a fake“). Dummerweise hatte jedoch der Polizist am Telefon den Streifenbeamten nur den ersten Teil der Mitteilung weitergeleitet, aber vergessen, das Weitere auszurichten. Vielleicht, weil nur Fakten, aber keine Wertungen interessieren? Vielleicht einfach nur ein Versehen? Man weiß es nicht.  

Jedenfalls hatte es nun mit der Langeweile ein Ende. Tamir hatte sich gerade auf eine Bank in dem Pavillon gesetzt, als der Streifenwagen angebraust kam. Endlich Action! Tamir bewegte sich langsam auf das Polizeiauto zu. Blöderweise allerdings mit dieser Spielzeugknarre in der Hand. Die Beifahrertür war noch gar nicht richtig geöffnet, als ihm der Polizeibeamte schon in den Bauch schoss. Das ist aber auch die einzige Szene in diesem achtminütigen Film, in der wirklich mal etwas los ist. Die Schlussszene eben. Tamir Rice, der danach noch ins Krankenhaus gefahren worden ist, wird nie wieder Langeweile haben. Am Sonntag ist er nämlich seinen Verletzungen erlegen. Das Video der Polizei Cleveland können Sie hier sehen. Wie gesagt: Ich rate ab.



Werner Jurga, 27.11.2014





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