Bernhard Becker:

Die Verschlämmerung Deutschlands


11. Oktober 2016. Der Rheinländer, meinte Hanns Dieter Hüsch, habe „zwar von nichts eine Ahnung, aber zu allem eine Meinung.” So ist es denn auch kein Zufall, dass Harpe Kerkeling in diesem Milieu Horst Schlämmer zu einem bodenständigen Politiker heranwachsen ließ, bis er das Ganze kurz vor einer (vermutlich erfolgreichen) Parteigründung wieder abblies: schließlich hatte der Mann ja „Rücken“, und außerdem gibt es nun Pegida und AfD. Dass Kerkeling-Schlämmer heute einen gewissen Donald Trump mimt, fällt zwar leider unter die true lies der „Wahrheit“-Redaktion der taz, ist auf einer höheren Ebene aber völlig wahr: man sehe sich nur die dortigen Wahlkampfshows an, und nach Ford, Reagan und Bush Junior ist Trump ohnehin nur der nächste Schritt zur Vollverhorstung eines Amtes, das „insgesamt doch recht überschätzt wird“. (Na gut – dieses Zitat von Prince Charles bezog sich zwar auf Sex, doch beim Adel läuft das auf das Gleiche hinaus: im Zentrum von Versailles steht das Bett des Königs, und in Sachen rheinischer Ignoranz hat Trump auf jeden Fall den Längeren.) Auch Horst Seehofer leistet zur Zeit seinen namhaften Beitrag, indem er einem putativen Volkswillen so lange hinterherläuft, bis er irgendwann von ihm überrollt wird. Eigentlich sollte er wissen, dass Sätze von Politikern wie „Wir schaffen das!“ vor allem Fakten schaffen sollen, also performative Akte sind – jedenfalls dann, sofern dem ein halbwegs koordiniertes staatliches Handeln folgt. Seine ständige Gegenrede kann daher nur heißen: „Wir wollen das nicht schaffen!“, womit wir wiederum bei Pegida und AfD wären. Das eine ist die Osterweiterung eines nicht ganz so harmlosen von-nichts-eine-Ahnung-haben-aber-mitreden-Wollens breitester nichtrheinischer Bevölkerungskreise: von irgendeiner dumpfen Erinnerung an links-grün-versiffte Schulzeiten verführt, versucht hier der eine oder andere Demonstrant zwar, es vor laufender Kamera auch mal mit Argumenten zu versuchen. Heraus kommen dann freilich Sätze wie: „Die Merkel ist doch angeblich Physiker. Dann soll die sich doch mal meine Küche anschauen!“ Die anderen wünschen sich ein neudeutsches „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Reich, in dem die D-Mark niemals untergeht und ebenfalls jeder mitreden kann, sofern er nur „völkisch“ denkt. Man muss also weder Gehlen, Schmitt, Heidegger oder das ganze andere intellektuelle rechte Zeugs gelesen haben: es reicht aus, fleißig auf der Kanzlerin rumzuhacken, sich ein teures kariertes Jackett leisten und nicht mehr richtig kacken zu können, um als „konservativ“ durchzugehen. Das, was beide Gruppierungen umtreibt, ist dummerweise allerdings genau das, was die real existiert habende Rechte in Weimar und seit Kaisers Zeiten immer als Quatschbude und „Herrschaft des Pöbels“ bekämpft hat: Das wahre Ziel beider Bewegungen ist nämlich die Gesamtverschlämmerung unseres Landes. Darum hilft nur eins: Harpe Kerkeling möge seinen verdienten Schlaf in den Kyffhäusern abbrechen und den echten Horst Schlämmer wiedererstehen lassen. Alle Billigimitate werden dann in kurzer Zeit dem gesamtrheinischen Gelächter zum Opfer fallen.


Bernhard Becker


Bernhard Becker ist Sozialdemokrat und lebt in Duisburg.



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